8 – Schlafen lernen

Der Typ von gestern sieht aus wie der Typ, mit dem ich aus Langeweile Sex hatte, und der mir am nächsten Tag selbstgemachtes Tiramisu mit Berrycrumbleboden ans Bett gebracht hatte. Und der wiederum sieht aus wie mein Ex. Ich finde, ich stehe absofort nur noch auf dunkelhaarig. Und vielleicht auch einfach auf Frauen, denn Männer erinnern mich auch an meinen Ex. Ich stehe einfach auf gar nichts mehr.
Am Ex zu hängen ist ungefähr so, als würdest du immer die gleiche Zahnbürste benutzen. Im übrigen ist das auch eine Erklärung dafür, warum ich mich sexuell als Single nicht so ausleben kann, wie es andere in meinem Alter für gewöhnlich tun. Warum nicht? Würdet ihr von einem fremden die Zahnbürste benutzen? Ich auch nicht. Den meisten scheint das nichts mehr auszumachen, sobald die Zahnbürste sich gut anfühlt, aber wenn man sich, wie ich, schon davor ekelt, mit seinen Freunden zusammen aus einer Flasche zu trinken, dann wird es kompliziert.
Jetzt redet euch aber bloß nicht ein, ich wäre romantisch, weil ich es nur mit Liebe mache, das ist ein Trugschluss. Ich bin nicht romantisch. Aber wenn ich von meinem Freund keine Blumen kriege, dann bin ich beleidigt. Hauptsache es gibt dazu kein Berrycrumble Dessert. Das konnte ich by the way nichtmal probieren, denn auch davor ekele ich mich.

Ich ekele mich gemeinhin vor Myriaden an Dingen und ich habe herausgefunden, es ist nicht von Vorteil, wenn man noch dazu im Zentrum einer Weltstadt wohnt. Aber einen Vorteil gibt es daran, ein depressiver Cityboy zu sein, ich kann zu einer beliebigen Zeit an irgendeinem Tag der Woche losgehen und finde ganz gewiss irgendeine Bar, die meiner Seele einen Ort zum ruhen gibt, wenn es schon mein Körper nicht kann.
Während ich nun meine Seele schlafen lasse und meinen Körper versuche mit Bier zu ermüden, beobachte ich einen jungen Typen mit dunklen Haaren, den ich hübsch finde, bis exakt zu dem Zeitpunkt, an dem er den Mund aufmacht.
„WENN DU MICH NOCH EINMAL SÜß NENNST, SCHLAGE ICH DIR IN DEINE SCHEIß FRESSE!“ Er erhebt drohend seine Faust, die der zwei Köpfe größerer Mann, der ihn wohl gerade angeflirtet hat, stirnrunzelnd in Augenschein nimmt.
„NIEMAND NENNT MICH SÜß! HAST DU DAS KAPIERT??!“
Das, Freunde, ist das seltene, aber äußerst amüsante, Exemplar eines Vollbluttops, der aufgrund seiner optischen Erscheinung immer für einen Bottom gehalten wird. Ich überlege aus Spaß, ob ich ihn gleich mit einem süßen Kosenamen anflirten sollte, einfach um seine Reaktion zu sehen und mich damit aufzuheitern. Es ist gut, dass ich nochmal rausgegangen bin.

Jedenfalls fand ich es eigentlich super, dass der Holzkopf – Schnitzfigur – von gestern als oberste Priorität seinen Konsum hatte und nicht Sex. Vielleicht hatte ich auch gehofft, ihn heute nochmal wiederzusehen, seine Nummer habe ich nämlich nicht. Warm wurde mir gestern nicht mehr, aber ich hatte ihn so lange umarmt, bis sich seine Nasenspitze an meiner Handinnenfläche nicht mehr eiskalt anfühlte. Zu Hause starre ich auf genau die gleiche Stelle in der Mitte meiner Hand, wo eine Pille liegt, die mir beim Schlafen hilft.

Wer kann mir das Schlafen beibringen?

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16 Antworten auf „8 – Schlafen lernen

  1. Ich sitz hier auch grad mit einer verdammt kalten Nase. Aber das nur nebenbei. Jedenfalls freu ich mich, dass Du auf meinem bisher nicht wirklich umfangreichen Blog warst, weil ich dadurch Deinen Blog entdeckt hab. So schön erzählte Depressionen gibt es selten. Hast einen neuen Follower. Hoffe, Du bekommst noch etwas Wärme ab.

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  2. Ich finde es schön, dass du meinen Blog gefunden hast, denn so habe ich deinen Blog gefunden.
    Du hast einen sehr schönen, berührenden Schreibstil und ich hoffe du weißt, dass du nicht allein bist mit den inneren Dämonen. Keep Fighting!

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  3. Was mir extrem geholfen hat, die Nacht nicht zum Tag zu machen, war die Tatsache, nicht mehr schlafen zu MÜSSEN. Früher habe ich mir immer nen Kopf gemacht, wenn ich nicht schlafen konnte. Der nächste Tag ist dann nur noch mühsam zu überstehen… ich muss doch schlafen, damit ich am nächsten Tag ausgeruht ans Werk gehen kann…. blablabla.. Alles Unsinn. Ich habe festgestellt, wenn ich ruhig liegen bleibe, ist mein Körper am nächsten Tag ausgeruht genug, um den Tag gut zu überstehen. Ich muss also gar nicht schlafen. Und mit Garantie schläfst du dann die darauffolgende Nacht sowieso, denn irgendwann will dein Körper einfach mal richtig schlafen. 😉

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  4. danke für´s Folgen…denn nur so konnte ich deinen blog finden…besonders, .extravagant – und ich liebe deinen Schreibstil. Das passiert mir selten, häufig langweilen mich blogposts, selten geht jemand so auf eine eigene, unverwechselbare Weise mit Sprache um wie du. Sue schreibt „ich habe dich grade spontan unheimlich gern“ – verstehe ich. Bei mir ist es eher Neugier, Faszination, hängt auch mit dem Dunklen, mit der Nacht zusammen. Dafür liebe ich das bloggen, denn im RL würden wir uns wohl nie begegnen.

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  5. Du schreibst gut und mit einer verwundeten Seele. Ich versuche schon seit 10 Jahren, das Schlafen wieder zu lernen. Ich war nie nachts auf der Piste, so wie du. Auslöser der Schlaflosigkeit waren eine Reihe von Blind Dates über Partnerschaftsbörsen. Mittlerweile habe ich von Antidepressiva über Neuroleptika und Melatonin alle Pillen und Ärzte durch, gehe brav alleine ins Bett und trinke keinen Alkohol mehr. Aber was tatsächlich am Meisten hilft, ist das was Angela scheibt: Aus dem Wachliegen kein Drama zu machen. Vielleicht hilft es auch bei dir. Ach ja: Ich verfasse auch keine Blog-Beiträge nach 22 Uhr mehr. Zumindest versuche ich das. 😉

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