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Wenn man hier lüftet, dann riecht es danach unangenehmer als zuvor, dabei wollte ich mit Frischluft meine Übelkeit lindern. Ich war heute nicht bei der Arbeit und habe Ärger bekommen, weil ich mal wieder nicht erreichbar war. Ich weiß nicht, ob man mir da überhaupt einen Vorwurf machen kann, denn ich hatte mich selber auch nicht erreicht. Nichtmal Essen hatte mich erreicht, im Magen, weil ich so lange nichts gegessen hatte, dass alles in meinem Mund sich anfühlte, wie ein Fremdkörper. Kommt es mir nur so vor, oder baut ein schwuler Verstand immer Doppeldeutigkeiten ein?

Ich war also einfach einen Tag lang tot und muss mich morgen wieder im Leben zurecht finden. Ich kann ohne Benzos erst dann schlafen, wenn ich eigentlich schon wieder aufstehen muss. Ist wirklich schon so passiert. Eigentlich habe ich nur deshalb diesen Blog, um zu schreiben wenn ich schlafen sollte. Irgendwann kommt man als Konsument dann an den Punkt, wo man sich fragt, ob man seinen Job verliert wenn man Drogen nimmt, oder ihn nur behalten kann, indem man sie nimmt. Jeder kommt irgendwann zu dem zweiten Schluss. Man findet immer gedankliche Wege, kein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Ich habe dich heute so vermisst, dass ich einfach vergessen hatte, warum wir nicht mehr reden. Und dann fällt mir ein, dass du mich auch nicht mehr erreicht hattest. Als ich mit der Wange auf den kühlen Fliesen lag, und nicht mehr auf deiner Brust und ich den Unterschied erst nach ein paar Stunden bemerkt hatte.

Er kommt mit Zomboy nicht zurecht. Er hasst es, wenn ich sterbe. Ich hasse es, wenn ich erwache. Fühlt sich eben so an, als hätte man eine Nacht unter kalter Erde verbracht. Keine Ahnung was ich will, aber wenn man grade von den Toten zurück gekommen ist, dann möchte man direkt wieder umkehren wenn sich niemand drüber freut dich zu sehen.

An dieser Stelle empfehle ich die Serie Matrjoschka, die mein Lebensgefühl derzeit ganz gut beschreibt.

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Ich bin einer dieser Menschen, der ständig blaue Flecken hat, und nicht mehr weiß woher sie kommen. Wenn mich jemand fragt, dann würde ich antworten, sie kämen vom Sex, aber das stimmt nicht, denn den habe ich nicht so häufig wie ich blaue Flecken habe. Auf jeden Fall verhält es sich genauso mit Situationen im Leben, in die ich hineinrutsche, ohne zu wissen wie das genau passiert ist. Ich nenne es das Blauefleckenprinzip. Nur leider habe ich für diese Art der Hämatome nie eine gute Ausrede.

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Das Kaugummi in meinem Mund löst sich auf wie Erinnerungen an Menschen in meinem Kopf. Komisch, wie schnell man jemanden vergessen kann. Und deshalb behauptete auch mal ein Mensch ohne Gefühle, die Zeit würde alle Wunden heilen. Wenn er Gefühle gehabt hätte, dann wüsste er, dass die Zeit sie nicht siechen lässt. Zeit lässt Bilder verblassen, aber ich habe noch nie von jemandem gehört, der vergessen hat, wie die erste Liebe sich anfühlt. Ein Verlust. Das Gefühl nach Albträumen, die wir heute nicht mehr wissen. Und vielleicht sind wir deswegen kaputt.
Ich weiß gar nicht mehr, wie du aussiehst.

Vielleicht malen kaputte Menschen deswegen. Wir wollen uns erinnern, um nicht verrückt zu werden.

villain

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Ich lerne grade piercen, weil meine Kollegin mich dazu überredet hatte, jedoch bin ich mir noch nicht ganz sicher, wer von uns beiden die Entscheidung mich auszubilden mehr bereut. Während sie mir das einlochen beibringt, belehre ich sie als Keimphobiker über meiner Meinung nach unzulängliche Hygienemaßnahmen. Wir liebboxen uns den ganzen Tag.
Immerhin kann ich euch erfreut berichten, dass ich heute eine Frau im Arm hatte, was ich als Erfolg verbuche, meine Mentorin allerdings nicht. Angeblich ist es meine Schuld, dass die Kundin sich schwallartig in den Mülleimer erbrochen hatte. So abstoßend bin ich nun auch wieder nicht.
„Du hättest sie noch nicht aufstehen lassen sollen.“
„Sie trug so viel Make Up, dass ich gar nicht sehen konnte, ob sie blass war.“
„Dann überlege dir was.“
„Ok. Wir piercen nur noch ungeschminkt.“
„Wir brauchen keinen neuen Businessplan, Fuchs.“
„Du meinst Hygieneplan. Gute Idee. Erweitere ich um den Punkt: Vor Arbeitsbeginn: Grundreinigung der Kundenphysiognomie.“
Das Mädchen in meinen Armen macht sich bemerkbar. Ich versuche zu retten was noch zu retten ist.
„Deine Schminke sieht übrigens toll aus.“
Wie sie eben aussieht nach einem langen Arbeitstag, Folter, Erbrechen und Ohnmacht. Ich glaube wenn sie die Wahl hätte zwischen einem weiteren Piercing bei mir oder einem Date mit mir, dann würde sie sich eher für Letzteres entscheiden. Auch das speichere ich ab als Erfolg, denn das ist ja fast so, als hätte ich sie aufgerissen. Und diese Sache mit dem Vertrauensbeweis, als sie sich rücklings in meine Arme fallen ließ… so viel Vertrauen gibt es in den meisten Beziehungen ja gar nicht mehr, also waren wir auf dieser Ebene eigentlich schon fast verheiratet. Ich finde, wir machen einen Haken hinter es nochmal mit Frauen probieren. Ich habe mich doch ganz wacker geschlagen.

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Ich habe heute eine Frau angesprochen, aber aus uns ist leider nichts geworden, weil sie auf Männer wie mich mit herausragenden Eigenschaften wie Ehrlichkeit glaube ich nicht steht. Ich kann mir nicht anders erklären, warum sie so reserviert geguckt hat, nachdem ich ihr auf die Frage hin, warum ich gerade sie anspreche, mit: „Ich wollte es mal wieder mit Frauen probieren“ geantwortet hatte.
Vielleicht war der Grund aber auch, dass ich zu viel über Zahnbürsten in Mündern gesprochen hatte. Vielleicht gehört sie ja zu den Menschen, die sich nie die Zähne putzen. Wir werden es nie erfahren, weil es nicht bis zu einem Kuss kam, und auch wenn ich die Möglichkeit gehabt hätte, es wohl nicht getan hätte, weil mich die optische Konsistenz des Lipgloss so dermaßen verunsichert hatte, dass ich mir plötzlich nicht mehr sicher war, ob das nicht eine Art Schutzwall gegen Aufdringlichkeit sein sollte. Ein Intimzaun. Like… will sie vielleicht gar nicht geküsst werden? So wie wenn man sich absichtlich vor einem Date nicht rasiert, um danach nicht mit dem im Bett zu landen.
Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Frau geküsst werden will, wenn sie den Platz so großzügig besetzt. Ich quetsche mich ja auch nicht auf einen Zweiersitz wenn da schon zwei sitzen.
Nein, das war überhaupt nicht meine Schuld.

Ich denke an die Kaltnase und daran, dass es gut ist, wenn ich ihn nicht wiedersehe, weil ich ihm gar nicht helfen könnte. Kann mir selber nichtmal helfen.

8 – Schlafen lernen

Der Typ von gestern sieht aus wie der Typ, mit dem ich aus Langeweile Sex hatte, und der mir am nächsten Tag selbstgemachtes Tiramisu mit Berrycrumbleboden ans Bett gebracht hatte. Und der wiederum sieht aus wie mein Ex. Ich finde, ich stehe absofort nur noch auf dunkelhaarig. Und vielleicht auch einfach auf Frauen, denn Männer erinnern mich auch an meinen Ex. Ich stehe einfach auf gar nichts mehr.
Am Ex zu hängen ist ungefähr so, als würdest du immer die gleiche Zahnbürste benutzen. Im übrigen ist das auch eine Erklärung dafür, warum ich mich sexuell als Single nicht so ausleben kann, wie es andere in meinem Alter für gewöhnlich tun. Warum nicht? Würdet ihr von einem fremden die Zahnbürste benutzen? Ich auch nicht. Den meisten scheint das nichts mehr auszumachen, sobald die Zahnbürste sich gut anfühlt, aber wenn man sich, wie ich, schon davor ekelt, mit seinen Freunden zusammen aus einer Flasche zu trinken, dann wird es kompliziert.
Jetzt redet euch aber bloß nicht ein, ich wäre romantisch, weil ich es nur mit Liebe mache, das ist ein Trugschluss. Ich bin nicht romantisch. Aber wenn ich von meinem Freund keine Blumen kriege, dann bin ich beleidigt. Hauptsache es gibt dazu kein Berrycrumble Dessert. Das konnte ich by the way nichtmal probieren, denn auch davor ekele ich mich.

Ich ekele mich gemeinhin vor Myriaden an Dingen und ich habe herausgefunden, es ist nicht von Vorteil, wenn man noch dazu im Zentrum einer Weltstadt wohnt. Aber einen Vorteil gibt es daran, ein depressiver Cityboy zu sein, ich kann zu einer beliebigen Zeit an irgendeinem Tag der Woche losgehen und finde ganz gewiss irgendeine Bar, die meiner Seele einen Ort zum ruhen gibt, wenn es schon mein Körper nicht kann.
Während ich nun meine Seele schlafen lasse und meinen Körper versuche mit Bier zu ermüden, beobachte ich einen jungen Typen mit dunklen Haaren, den ich hübsch finde, bis exakt zu dem Zeitpunkt, an dem er den Mund aufmacht.
„WENN DU MICH NOCH EINMAL SÜß NENNST, SCHLAGE ICH DIR IN DEINE SCHEIß FRESSE!“ Er erhebt drohend seine Faust, die der zwei Köpfe größerer Mann, der ihn wohl gerade angeflirtet hat, stirnrunzelnd in Augenschein nimmt.
„NIEMAND NENNT MICH SÜß! HAST DU DAS KAPIERT??!“
Das, Freunde, ist das seltene, aber äußerst amüsante, Exemplar eines Vollbluttops, der aufgrund seiner optischen Erscheinung immer für einen Bottom gehalten wird. Ich überlege aus Spaß, ob ich ihn gleich mit einem süßen Kosenamen anflirten sollte, einfach um seine Reaktion zu sehen und mich damit aufzuheitern. Es ist gut, dass ich nochmal rausgegangen bin.

Jedenfalls fand ich es eigentlich super, dass der Holzkopf – Schnitzfigur – von gestern als oberste Priorität seinen Konsum hatte und nicht Sex. Vielleicht hatte ich auch gehofft, ihn heute nochmal wiederzusehen, seine Nummer habe ich nämlich nicht. Warm wurde mir gestern nicht mehr, aber ich hatte ihn so lange umarmt, bis sich seine Nasenspitze an meiner Handinnenfläche nicht mehr eiskalt anfühlte. Zu Hause starre ich auf genau die gleiche Stelle in der Mitte meiner Hand, wo eine Pille liegt, die mir beim Schlafen hilft.

Wer kann mir das Schlafen beibringen?

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