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Ich habe grade mit meinem besten Freund geredet. Über Bestefreundesachen. Insiderwitze. Gegenseitiges Verarschen. Sex. Das Problem ist, dass mein bester Freund mein Ex ist. Also habe ich eigentlich grade zum ersten mal mit meinem Freund über Bestefreundesachen geredet, während er jemand anderen liebt. Und ich heule auf mein Handy und schreibe, dass ich den wohl auch lieben könnte, den ich gestern getroffen habe, nur um ihm etwas erzählen zu können.

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Ich würde gerne weinen, aber wenn man high ist, fühlt sich Weinen wie Kotzen an, weil da keine Tränen kommen, aber man trotzdem versucht sie rauszupressen. Fast wie Pinkeln auf E.

Zwischen Transstreet und Partymeile gibt es ein Stück Wiese, wo Männer aus allen Schichten stehen, und hinauf zu den Fenstern gucken, hinter denen man portraithaft die bunten Silhouetten aufreizender Transvestiten erkennen kann. Der Mann entscheidet nicht wen er kriegt, die Damen suchen sich ihren Kunden aus. Ich hätte mir auch vieles lieber ausgesucht, aber im Endeffekt kann man sich nur die Drogen aussuchen, mit denen man grade so alles erträgt, was man sich nicht ausgesucht hat. Jedes Mal wenn ich diese Straße passiere, bin ich mir unsicher, auf welcher Seite ich am besten gehe. Deshalb laufe ich immer einfach direkt auf der Straße. Irgendwo dazwischen.

Habe gestern das erste mal eine Halluzination gehabt. Da war Wasser im Waschbecken, beim zweiten Blick war es aber weg. Es war dreckig und schaumig. Ich stand noch gut 10 Sekunden wie versteinert im Badezimmer, bis ich kapiert hab, dass das was man sich aussucht, auch nicht immer die beste Wahl ist.

Ich hätte mich vielleicht irgendwann mal ganz für dich entscheiden sollen. Weiß nicht, wieso Entscheidungen schwer sein können, obwohl man weiß was man will.

Jetzt fühle ich mich dreckig und kann nicht mal weinen. Ich bin eigentlich immer irgendwo dazwischen, und da tut es ganz schön weh.

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Habe morgen Therapie. Das erste mal nach 3 Wochen. Eine Stunde klingt nach viel Zeit, aber das wäre es nicht, wenn ich ernsthaft auf ihre Fragen antworten würde. In einer einzigen Stunde sollen wir die Probleme der letzten Wochen besprechen? Puh. Meine Probleme sind live. 24/7. Wie ein Radiosender in meinem Kopf und meine Angst ist der Jingle, der vor jedem wichtigen Programm ertönt.

„Wie geht es Ihnen?“
„Hören Sie gerne Radio?“ Frage ich dann. Weil man sich eine Stunde gut über Musik unterhalten kann, aber ganz bestimmt nicht über meine Probleme.

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Ich lutsche Fruchtkaramell und beobachte einen zahn- und talentlosen Klischeetätowierer, der selbst um die 40 ist und eine 18 jährige Freundin hat, die er die ganze Zeit in einem Tonfall hin und her scheucht, der mir die Haare zu Berge stehen lässt. Irgendwann gehe ich Backstage, pule am Industriebaguette herum, sammele Sticker von allen Ständen und Klebe mir die kleinsten davon ins Gesicht. Der 40 jährige hat noch einen Azubi mit dabei sehe ich gerade, den er genauso umherscheucht, nur dass er ihn dabei nicht Mäuschen nennt. Trotzdem fühle ich mich einsam als er Mäuschen küsst.
Draußen lege ich mich in den Wind und obwohl er eiskalt ist, fühle ich mich geborgen, weil er sich gegen mich lehnt wie ein kräftiger Körper, den ich Nachts vermisse. Wenn man mit dem Wind weint, dann streicht er dir sogar die Tränen vom Gesicht. Ich habe nicht im Wind geweint, doch wenn ich es täte, wäre er ein guter Tröster.
Ich habe letzte Nacht bei dem Papierflugzeugweltmeister geschlafen. Er ist ein Journalist und sieht aus wie ein Surflehrergoth. Natürlich verknalle ich mich in sowas. Ne Weile. Er ist wunderschön und ich war wunderverknallt. Aber wenn er nicht mehr da ist, dann denke ich nicht mehr an ihn. Dann hatten wir ein, zwei mal Ups-Sex. Ups, weil das das leitende Gefühl der ganzen Aktion war und nie eine Steigerung erhielt. Und gestern sagte er mir dann, dass er mich liebt. Was mich sehr erstaunt hat, denn sowas sagt man eher nur, wenn man bei dem anderen das gleiche vermutet und ich habe ihm im ganzen letzten halben Jahr nicht mal einen Bruchteil von dem gegeben, was ich meinem Ex zuteil werden ließ. Und selbst bei ihm konnte ich diese Worte nicht sagen.
Nicht oft.
Ich wundere mich trotzdem darüber, dass er weg ist. Ich war doch ein super Fang… so einen männlichen Typen mit schönen Beinen findest du nie wieder. Ich mein ja nur. Keine Ahnung, seit wann mein Aussehen kein Argument mehr für dich ist. 🤷‍♂️
Ich habe bemerkt, dass mich nur noch sehr wenig verletzen kann. Benni hat mich heute richtig zur Sau gemacht. Egal wie schlecht mir ist, es hat mich nicht wirklich getroffen. Wenn man sowas mit Dingen vergleicht, die einem wirklich weh getan haben, dann wird einem sowas egal. Und vielleicht ist das gleichbedeutend mit weniger lieben, weil Menschen einem auf diese Weise auch egal werden. Manchmal frage ich mich, wie ein unbeschadeter Mensch Schaden erlebt. Ich bin trotzdem ein verletzlicher Mensch. Der Kuss eines ungleichen Pärchens zieht in meiner Brust. Aber eine willkürliche Attacke macht nicht viel.
Das heißt… ich bin mir da bei meinem Ex nicht so sicher. Und ich glaube, ich gehe ihm lieber aus dem Weg, als das Gegenteil zu riskieren. Er soll meine ganzen Sachen verbrennen, ich werde sie niemals abholen.
Niemals.
Auch nicht wenn der Wind mich nachher tröstet.